Kulturlandschaftsmanagerin im Interview

Kulturlandschaftsmanagerin Sandra Rosendahl

NAUMBURG. Sandra Rosendahl ist seit Oktober als Kulturlandschaftsmanagerin für den Förderverein Welterbe an Saale und Unstrut tätig. Wir sprachen mit ihr nicht nur über ihren neuen Job.

Können Sie kurz ihre Arbeitsaufgaben als Kulturlandschaftmanagerin umschreiben?
Mit der Aufnahme des Naumburger Doms in das UNESCO Weltkulturerbe besteht jetzt wieder die Möglichkeit, uns auf die umliegende Kulturlandschaft des Saale-Unstrut Gebietes zu konzentrieren, das im Antrag leider nicht bis zum Ende berücksichtigt werden konnte. In der Region besteht eine so große Vielfalt an besonders hochmittelalterlichen Spuren, die oft noch direkt erlebbar sind, dass sie ebenfalls unsere Aufmerksamkeit verdienen. Meine Aufgabe ist es, diese Landschaft und ihre Akteure zu koordinieren und Maßnahmen und Projekte zu entwickeln, die der Erhaltung, der Vermittlung und der Erforschung dienen. Besonders wichtig ist die Vernetzung mit den Partnern vor Ort.

Wo setzen Sie dabei momentan die Prioritäten?
Gerade arbeiten wir, der Welterbeverein und die Stiftung Schulpforta, unterstützt vom Landkreis und der Stadt Naumburg, an der Bewerbung für das Europäische Kulturerbe-Siegel für das Kloster Pforta. Dieses große transnationale Projekt umfasst 18 ehemalige Zisterzienser Klosterlandschaften in sechs europäischen Ländern, die unter dem Titel "Cisterscapes - Cistercian Landscapes Connecting Europe" diesen besonderen Titel anstreben. Pforta’s einzigartig erhaltene Kulturlandschaft soll weiter entwickelt und einem breiteren Publikum vermittelt werden. Auch ist es wichtig zu zeigen, wie stark die Region schon im Hochmittelalter, im 12./13. Jahrhundert, europaweit vernetzt war und eine große Rolle in der Vermittlung von Wissen über Religion, Architektur, Kunst und Wirtschaft gespielt hat.

Sie sind examinierte Archäologin. Wo und wie waren Sie in der Vergangenheit tätig?
Studiert habe ich in Glasgow, Schottland. Von dort aus habe ich an Projekten in Zypern teilgenommen, die die erste Besiedlung der Insel vor über 10,000 Jahren untersucht haben. Zwei Jahre lang habe ich für das Council for British Research in the Levant (CBRL) in Jordanien gearbeitet, und dort Forschung betrieben und an Ausgrabungen teilgenommen. Zwischen 2009 und 2014 war ich Teil des Projektes Qatar Islamic Archaeology and Heritage (QIAH), das in Katar die spätislamische Perlentaucherstadt Al Zubarah ausgegraben hat (gegründet c. 1760). Hier habe ich sowohl gegraben als auch Datenbanken geschrieben, GIS Karten erstellt und Berichte verfasst und herausgegeben. 2011 war ich an der Verfassung des Nominierungsdokuments für die Bewerbung von Al Zubarah als UNESCO Weltkulturerbe beteiligt, das wir 2013 verliehen bekamen. Darauf bin ich auch heute noch stolz.

Was hat Sie besonders an Ihrem ursprünglichen Beruf fasziniert?
Mich hat schon immer interessiert, wie menschliche Gesellschaften sich entwickeln, und auch, wie sie wieder vergehen. Aus wenigen Spuren, die sich über Jahrhunderte und Jahrtausende erhalten haben, darf ein Archäologe spannende Geschichten erzählen, die uns fremde Kulturen einer anderen Zeit näherbringen. Dabei lernt man, die Welt als Ganzes zu betrachten, als komplexes Zusammenspiel von Mensch und Natur. Nicht zuletzt hat es mir erlaubt, viel durch die Welt zu reisen, besonders im Mittelmeer- und arabischen Raum, den ich bis heute besonders wertschätze.

Welche Bedeutung hat für Sie persönlich die Kulturlandschaft an Saale und Unstrut?
Als Zugezogene (aus Dessau) habe ich mich sehr schnell heimisch gefühlt in meinem Dorf an der Unstrut. Unsere wunderschöne Landschaft, und der tolle Wein haben es mir von Anfang an angetan. Durch Wanderstreifzüge in der die Region habe ich sie als Kulturlandschaft kennengelernt, in der an jeder Ecke Zeichen alter Geschichte zu finden sind - von frühester Besiedlung bis in die Neuzeit. Es ist faszinierend, diese Spuren zu entdecken und einzuordnen. Überreste alter Trockenmauern oder potentielle vorgeschichtliche Gräberhügel sind genauso interessant wie die monumentalen Burgen, Kirchen und Klöster - zumindest für mich als Archäologin! Ich finde es wichtig, dass diese vielschichtige Geschichte für alle zugänglich ist, und dass uns allen bewusst wird, wie zentral die Saale-Unstrut Region in der geschichtlichen Entwicklung Deutschlands und Europas war. Dies muss unbedingt erhalten und präsentiert werden.

Wie stellen Sie sich mittel- und langfristig die touristische Entwicklung der Kulturlandschaft an Saale und Unstrut vor?

Seit der Naumburger Dom Weltkulturerbe ist, ist unsere Region natürlich attraktiver für Reisende aus allen Teilen Deutschlands und auch darüber hinaus geworden. Sie erkunden Naumburg und die nähere Umgebung mit ihren großen Wahrzeichen. Dass es hier noch viel mehr zu entdecken gibt, und dass es sich lohnt, mehr Zeit in der Saale-Unstrut Region zu verbringen, das ist unsere große Aufgabe. Dieser Sommer, in dem durch Reiseeinschränkungen viel mehr Menschen zu uns gekommen sind, hat gezeigt, dass die Reisenden gern mehr sehen möchten, an noch unbekannte Orte geführt und über die Geschichte informiert werden. Dazu sollen sie die Möglichkeit haben, indem wir als Wissensvermittler weitere Angebote bereitstellen, die auch mehrsprachig und multimedial zur Verfügung stehen. Potential besteht noch in der Gastronomie und in der Vernetzung der verschiedenen Angebote. Als große Kulturlandschaft sollten wir uns als Kollegen verstehen, die gemeinsam an der Umsetzung der großen Pläne arbeiten, die einst im UNESCO Antrag verankert waren und durch die vielen lokalen und regionalen Partner in Tourismus, Gastronomie und Wirtschaft unterstützt wurden.

Helga Heilig

Naumburger Tageblatt am 28.10.2020

Zurück