Hat das ICOMOS-Gutachten den Antrag ausgebremst?

Ausgebremst? Stefan Tebruck hofft, dass das ICOMOS-Gutachten den Welterbeantrag nicht ausbremst. Der promovierte und habilitierte Geschichtswissenschaftler ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Naumburger Welterbeantrages und lehrt Mittelalterliche Geschichte an der Universität Gießen.

In Bonn findet gerade die 39. Sitzung des Welterbekomitees statt. Neben der Diskussion über die akute Gefährdung verschiedener Monumente und Stätten durch Krieg und Naturkatastrophen und den mit Spannung erwarteten Beschlüssen des Komitees über die zur Entscheidung anstehenden 38 Kandidaturen darf die Neugestaltung des Evaluierungsprozesses von potentiellen Welterbestätten besondere Aufmerksamkeit beanspruchen.

Es geht um die Reform der beiden Institutionen (advisory bodies), welche die Nominierungen prüfen und dem Welterbekomitee Empfehlungen für die Entscheidung vorlegen: ICOMOS (International Council on Monuments and Sites) für die Kulturstätten und IUCN (International Union for Conservation of Nature) für das Naturerbe. Bereits auf der 38. Sitzung in Doha (Katar) wurde die Notwendigkeit einer Reform erkannt. Umstritten war und ist dabei vor allem, wie man das zentrale Kriterium für den Erfolg eines Antrags, nämlich das "outstanding universal value" (OUV), ermittelt und bewertet. Unter Leitung der amtierenden Präsidentin des Welterbekomitees, Frau Prof. Dr. Maria Böhmer, hat eine ad-hoc Kommission in Vorbereitung der 39. Tagung weitreichende Vorschläge unterbreitet, die in Konsequenz zu einer deutlich besseren Transparenz und einer weitaus höheren Wissenschaftlichkeit der Begutachtung sowie zu einer wesentlich frühzeitigeren Kommunikation zwischen den beiden Organisationen und den antragstellenden Staaten führen soll. Es geht um Offenlegung aller am Begutachtungsprozess beteiligten Personen und Angabe ihrer wissenschaftlichen Qualifikationen, die Einbeziehung von Universitäten und einschlägigen Forschungseinrichtungen sowie die Einhaltung des Vieraugenprinzips als Mindeststandard für die Vor-Ort-Evaluierungen. 

Diese Reform droht zumindest für einen Kandidaten zu spät zu kommen. Der von deutscher Seite eingereichte und in Bonn zur Entscheidung stehende Antrag "Der Naumburger Dom und die hochmittelalterliche Herrschaftslandschaft an Saale und Unstrut" kann geradezu als Musterbeispiel für den bestehenden Reformbedarf der begutachtenden Institution ICOMOS stehen. Seit Mai ist der Evaluierungsbericht von ICOMOS im Internet abrufbar. Auf vierzehn zweispaltigen Seiten findet sich ein wohl bislang beispielloser Verriss eines Antrags, der sowohl als "site" (für den Naumburger Dom) als auch als Kulturlandschaft (für die Saale-Unstrut-Region) eingereicht wurde.

Glaubt man den Ausführungen von ICOMOS, die in einer für ein Wissenschaftsgutachten befremdlich polemischen Sprache und Diktion gehalten sind, dann müsste der Antragsgegenstand von kaum nennenswerter Bedeutung und in einer unsicheren Region der Welt gelegen sein. Denn weder die beiden beantragten Kategorien des "outstanding universal value" (Kriterium IV: Architektur und Technologie; Kriterium V: Siedlung und Landschaftsnutzung), noch die Authentizität und Integrität des beantragten Schutzgutes, noch die existierenden und vorgesehenen Bestimmungen des Denkmalschutzes und des Denkmalmanagements genügen den ICOMOS-Gutachtern, die dementsprechend auf "Nichteinschreibung" votieren. 

Nun liegt der Antragsgegenstand keineswegs in einer Krisenregion, sondern in Deutschland, im Bundesland Sachsen-Anhalt, das mit Quedlinburg, dem Gartenreich Dessau - Wörlitz, den Bauhausbauten in Dessau sowie den Luthergedenkstätten in Wittenberg und Eisleben vier Weltkulturerbestätten besitzt und durchaus über langjährige erfolgreiche Erfahrungen im Erhalt und Umgang mit diesen verfügt.
Der Antrag wurde über mehr als zehn Jahre von einem interdisziplinär zusammengesetzten Team unter Federführung des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt vorbereitet und einem interdisziplinären wissenschaftlichen Beirat begleitet. Dass der Antragsgegenstand von nur regionaler oder ausschließlich nationaler Bedeutung wäre, kann mit gutem Gewissen auch nicht behauptet werden. Zielt doch der Antrag entsprechend den Kategorien IV und V des OUV darauf, dass der Naumburger Dom und die hochmittelalterliche Herrschaftslandschaft an Saale und Unstrut ein hervorragendes Beispiel eines Typus von Gebäuden, architektonischen oder technologischen Ensembles oder Landschaften repräsentieren, die den für die Geschichte der Menschheit bedeutsamen Abschnitt des europäischen Hochmittelalters versinnbildlichen und ein hervorragendes Beispiel überlieferter menschlicher Siedlungsformen dieser Zeit in der Wechselwirkung von Mensch und Umwelt darstellen.

Aus der Argumentation des Antrags geht hervor, dass die Raumorganisation an Saale und Unstrut auf engstem Raum eine enorme Dichte von adligen und kirchlichen Herrschaftsträgern aufwies, die sämtlich und jeder für sich eigene Herrschaftslandschaften anlegten und miteinander konkurrierten. Dies ist sicherlich keineswegs einzigartig im Vergleich mit ähnlich strukturierten einstigen Grenz- und Transferregionen des mittelalterlichen Europa. Einzigartig ist vielmehr, dass die durch das Wirken dieser Herrschaftsträger zwischen dem 11.bis 13. Jahrhundert entstandenen Elemente der Kulturlandschaft im Zusammenspiel mit vielfältig strukturierten dörflichen Siedungsformen, Stadtanlagen (Naumburg und Freyburg), bedeutenden Burgen (allen voran die Neuenburg), Klöstern und Pfarrkirchen (vor allem Kloster Pforta und die Freyburger Stadtkirche St. Marien) und schließlich dem Dom in Naumburg bis heute diesen Raum in einzigartiger Weise prägen und in ihren Erscheinungsformen sichtbar und berührbar sind. 

Aber nicht nur das Nebeneinander all dieser Elemente auf einer Fläche, die von Nord nach Süd und von West nach Ost jeweils eine Entfernung von etwa zehn Kilometern Luftlinie aufweisen, wird hervorgehoben, sondern auch die außergewöhnliche Qualität und Authentizität der Monumente (Naumburger Dom, Kloster Pforte und die Neuenburg) sowie die seit dem Hochmittelalter kontinuierlich genutzten bzw. erhaltenen kulturlandschaftlichen Elemente (von den Weinbergen, Obstwiesen und Wäldern bis zu den Wasserbauanlagen und Straßenführungen) werden nachgewiesen.
Wie geht das ICOMOS-Gutachten auf diese Punkte ein? Generell ist festzustellen, dass die Verfasser des Gutachtens anscheinend zwei Strategien durchgängig verfolgt haben. Zum einen wird durch das Mittel der extremen Reduktion eine Abwertung tatsächlich vorhandener Werte erreicht, zum anderen werden bestimmte Alleinstellungsmerkmale überhaupt nicht in die Bewertung einbezogen. Einige Beispiele mögen dies stellvertretend für zahlreiche Fälle verdeutlichen.

Spätestens seit der Naumburger Landesausstellung von 2011 zum Werk des Naumburger Meisters dürfte auch Nichtfachleuten klar sein, welches weltweit einzigartige Zeugnis sich mit den Stifterfiguren, der Architektur und den Glasmalereien im Naumburger Westchor erhalten hat. Dieses Ensemble wird zwar im Text von ICOMOS kurz erwähnt, aber bei weitem nicht angemessen gewürdigt. Gleiches trifft auf die Wertung der Neuenburg oberhalb Freyburg zu. Laut Gutachtern sei diese "erst in den letzten Jahrzehnten wiederaufgebaut worden". Tatsächlich zählt sie aber zu den größten und am besten erhaltenen Burganlagen des 11. bis 13. Jahrhunderts und kann mit der Doppelkapelle ein einzigartiges Kleinod aus dem Lebensumfeld der heiligen Elisabeth von Thüringen und der ritterlich-höfischen Kultur überhaupt aufweisen. 

Im Zisterzienserkloster Pforte haben sich laut Gutachten "nur einige Strukturen" aus dem Hochmittelalter erhalten. Wer das Gelände der heutigen Landeschule kennt, weiß, was die Gutachter dem Leser alles vorenthalten: die komplette romanische Ummauerung des Klostergeländes, Wirtschaftsgebäude wie die Schmiede, das im heutigen Fürstenhaus integrierte Infirmarium mit der eindrucksvollen sogenannten Abtskapelle, die Klosterkirche mit Klausur, der Friedhof mit der Totenleuchte und einzigartige Ausstattungsstücke wie das bemalte Triumphkreuz und die Grisaillerosette aus dem 13. Jahrhundert. Diese Fehleinschätzungen sind ebenso evident, wie die gravierenden Fehleistungen des Gutachtens, wenn es an die Darstellung historischer Zusammenhänge oder die Bewertung der Authentizität der Substanz geht. So wird beispielsweise behauptet, dass die Stadt Freyburg "als kaiserliches Handelszentrum" und "als Einlagerplatz" gegründet worden sei. Beides trifft auf die von den thüringischen Landgrafen im ausgehenden 12. Jahrhundert planmäßig angelegte Stadt nicht zu. Völlig übersehenen wird von den Gutachtern übrigens die prächtige romanische Stadtkirche von Freyburg aus dem frühen 13. Jahrhundert.

Weiter wird behauptet, dass der Naumburger Dom von den Wettinern gegründet worden sei, was bekanntermaßen für den komplexen Gründungsvorgang, an dem König und Papst sowie die Markgrafen aus dem Geschlecht der Ekkehardiner beteiligt waren, nicht zutrifft. Diese wenigen Beispiele spiegeln eine besorgniserregende Ahnungslosigkeit der Gutachter in Bezug auf das Verständnis des beantragten Schutzgutes wider. 

Um es abschließend deutlich zu sagen, ICOMOS hat sich mit diesem Gutachten keine Ehre gemacht. Es lässt erkennen, dass bei der von nur einer Person durchgeführten Vor-Ort-Evaluierung und auch bei der Verabschiedung des Berichts im ICOMOS-Panel keine Wissenschaftler einbezogen waren, die für die Zeit des Hochmittelalters ausgewiesen sind und die Qualität des Antrags kompetent beurteilen können.

Es bleibt zu hoffen, dass diese Fehlleistung des "advisory body" nicht das endgültige Aus für den Naumburger Antrag bedeutet. Wie auch immer die Entscheidung im Komitee ausfallen wird, niemand wird ernsthaft in Frage stellen wollen, dass der Naumburger Dom mit seinen Stifterfiguren um Uta und Reglindis sowie die sie umgebende hochmittelalterliche Kulturlandschaft einzigartig und von weltweitem Rang sind. Sie werden es auch im Fall einer Ablehnung bleiben. 

 

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